Samstag, 27. Juli 2013

"Kinder lernen gerne." - Ideologie oder Wissenschaft?


Neulich auf einer Grillparty  

redete ich mit einigen empörten LehrerInnen, die sich über die Ideologen ärgerten, die behaupten, dass Schüler gerne lernen.

"Wenn man 25 Jahre als Lehrer gearbeitet hat, dann weiß man, dass das Unfug ist!" -
Die Ideologen sind in diesem Fall die Schulreformer und Hirnforscher, die am grünen Tisch schöne Ideen haben - zum Beispiel, dass alle Kinder doch eigentlich von Natur aus gerne lernen - eine schöne Theorie, die aber eben in das Reich der Ideen gehören und nicht in das Reich der Tatsachen. - Man sollte die Wahrheit in den Fakten suchen - und nicht Dinge behaupten, von denen man keine Ahnung hat.


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In der WELT vom 2.2. 2013 schreibt der Gehirnforscher Gerald Hüther über das Lernen. Titel und Einleitung der WELT-Redaktion:

Jedes Kind lernt gerne – aber nur ohne Druck.
Hirnforscher wissen, wie Kinder gut lernen: Wenn sie es mit Begeisterung tun. Dazu aber bietet ihnen der Unterricht gerade wenig Anlass – ein entscheidender Ansatzpunkt für erfolgreiche Schulreformen.
Von Gerald Hüther

Wenn die empörten LehrerInnen von der o.g. Grill-Party dies lesen, werden sie sich zunächst einmal angegriffen fühlen, denn im Umkehrschluss könnte man den Satz so verstehen: 
"Hirnforscher wissen, wie Kinder gut lernen - Lehrer wissen es nicht."
 

Wenn die Kinder nicht gut lernen, wenn die Kinder nicht gerne lernen, dann bist DU, LEHRER_IN, dafür verantwortlich, denn DU hast es nicht geschafft, die Kinder zu begeistern. DU beherrscht dein Handwerk nicht".


Lehrer aus der Sicht eines Hirn-Forschers ?

 

Im gleichen Sinne übrigens in einem Elternbrief der Stadt Regensburg:  

"Kinder lernen gerne". Und wenn sie nicht gerne lernen, hast du ihnen wahrscheinlich nicht genügend Schlaf gegeben, oder ihnen kein gesundes Essen gegeben, ihnen den Umgang mit Medien nicht beigebracht, nicht genug für ihre Bewegung gesorgt - wie das "gute Eltern" tun würden. 
  • Jeder Rat-Schlag ein Schlag.
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Dazu sind 3 Dinge zu sagen.


1. Es stimmt natürlich, dass in der Gehirnforschung in den letzten Jahren neue Erkenntnisse gewonnen wurden

doch die Hirnforschung umgibt sich manchmal im Bereich Lernen&Schule mit einem quasi-religiösen Mythos, der bei einigen ZuhörerInnen und LeserInnen Bewunderung und Leichtgläubigkeit hervorrufen mag -  bei anderen aber auch Ärger. 

Eigentlich können die Neurobiologen heute nur physiologisch erklären, was die Menschheit aus Erfahrung schon lange aus Erfahrung weiß;
und manchmal leiten Forscher von ihren Ergebnissen steile Thesen und Prognosen ab, die un-redlich sein können, un-angemessen oder un-wissenschaftlich.
(O.k.: Oft häufig sind es ja gar nicht die WissenschaftlerInnen selber, sondern die Presse, die tolle Schlagzeilen produziert, die der Aussage der ForscheInnen selber nicht gerecht werden oder ihr gar widersprechen. Denn: Sensation sells. ) 



2. Es stimmt natürlich, wenn Eltern und LehrerInnen sagen, 

dass ihre nämlich ihre Kinder bzw. ihre SchülerInnen nicht immer gerne und nicht immer Alles lernen, was sie lernen sollten.
Es stimmt auch, dass es schön wäre, wenn jede  Lehrkraft jeden Tag und jeden Morgen ohne Druck 6 Stunden lang jeweils neue 32 SchülerInnen zur gleichen Zeit für die gleiche Sache begeistern könnte, so dass diese Kinder und Jugendlichen dann wirklich alle Alles und gerne lernen, was der Bildungsplan verlangt. - Eine wirklich schöne Idee.

 

 

3. Es stimmt auch, dass jeder Mensch von Natur aus ständig und gerne lernt,


aber was und wann - das entscheidet er alleine:
Laufen lernen, Fahrradfahren lernen, den Autofahren lernen, chatten lernen, ein Spiel lernen, ein Smartphone bedienen lernen, tanzen lernen, einen Knoten lernen, Tore schießen lernen, filzen lernen, Windows 8 lernen ... . - Vieles lernt man von Natur aus ständig und ganz freiwillig und manchmal mit Begeisterung: Wenn es mich interessiert, wenn ich es brauche, wenn es mir Spaß macht, einfach nur weil ich die Welt begreifen will - und manchmal auch, weil ich diese Prüfung bestehen will, die ich für meinen Lieblings-Studium oder meine Traum-Lehrstelle brauche.
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Siehe auch: 
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Das ist vielleicht das, was manch ein Hirnforscher uns sagen wollte.
Und daraus entsteht dann nicht unbedingt ein Vorwurf oder eine Schuldzuweisung an die jede Schule und jede Lehrkraft, sondern eher eine Frage

Wie kann ich so viel wie möglich davon auf die Schule übertragen? Gibt es wirklich neue Erkenntnisse, von denen ich als LehrerIn profitieren kann und somit auch die anderen Lernenden in der Schule? Welche Unterstützung brauche ich als LehrerIn, als Schulleitung, als SchulträgerIn, wenn ich möglichst viel Lernen in meiner Schule ermöglichen will? - Ist Schule, so wie sie heute  zumeist angelegt ist, überhaupt noch zeitgemäß oder brauchen wir eine "Entschulung der Gesellschaft"? -

Die Wahrheit muss man in den Fakten suchen, wie Deng Xiaoping zu sagen pflegte. 
Und Neurobiologie alleine reicht für Antworten ganz sicher nicht aus, sie liefert vielleicht sogar die wenigstens Antworten, auch wenn sich manch ein Hirnforscher (Sie wissen schon...)  anders inszeniert.


Gerald Hüther schreibt a.a.O.: 
Es gibt zwei Annahmen, die in der Gesellschaft zwar weit verbreitet, aber aus neurobiologischer Sicht nicht haltbar sind.
  1. Die erste Annahme heißt: Kinder können alles lernen. Dagegen sagt die Neurobiologie: Nein, Kinder können nicht alles lernen, sondern sie lernen nur das, was für sie bedeutsam ist. Wenn ich unter Druck gesetzt werde und Mathe lernen soll, dann ist das Mathelernen nur ein Nebeneffekt, denn vor allem lerne ich, wie ich den Druck wieder loswerde. [...]
  2. Die zweite Annahme: Kinder können immer lernen. Auch das stimmt [...] so nicht. Wenn es einem nicht gut geht, dann lernt man nur, um aus diesem schlechten Zustand herauszukommen. Kinder sind nur dann offen für alles, was es zu lernen gibt, wenn es ihnen gut geht.
    Unter Leistungsdruck geht es ihnen nicht gut, unter Konkurrenzdruck auch nicht, und vor allem geht es ihnen nicht gut, wenn sie als Objekt behandelt werden. Wenn sie Gegenstand von Maßnahmen sind, also von Belehrung, von Bewertung und Beurteilung. Das verletzt ihr Grundbedürfnis, als autonome Wesen wahrgenommen zu werden. [...]

Gute Lernerfahrungen dagegen gelingen, wenn Kinder sich in Beziehung zu dem Gegenstand ihres Lernens setzen können – wenn es ihnen also selbst wichtig ist, das zu lernen. Und wichtig ist einem etwas immer dann, wenn es einem unter die Haut geht, wenn es begeistert. Dann lernen Kinder alles, und dann lernen sie sogar mit Hingabe. [..]

  • "Ja, aber das wussten wir auch schon vorher", wird manch Eine/r nun sicher sagen...
Yin und Yang (chinesisch 陰陽 / 阴阳 yīn yáng) sind zwei Begriffe der chinesischen Philosophie.
Sie stehen für polar einander entgegengesetzte
und dennoch aufeinander bezogene Kräfte oder Prinzipien.
Ein weit verbreitetes Symbol des Prinzips ist das Taijitu ☯. [wikipedia]

Donnerstag, 25. Juli 2013

Von Schulnoten, verbotenen Vergleichen und fiktiven Abi-Zeugnissen

Dies ist ein fiktives Oberstufen-Zeugnis.

Ein pensionierter Gymnasial-Lehrer hat es für die taz erstellt, und diese hat es allen 16 deutschen Kultusministerien vorgelegt mit der Bitte:
Errechnen Sie den Abiturs-Durchschnitt.

Was kam dabei heraus?

  • In allen Bundesländern läge sein Abi-Schnitt um die Note 2 herum,
  • schwankt aber zwischen 1,9 (in Hamburg z.B.), 2,0 (z.B. in NRW) und 2,3 (z.B. in BW).
  • Das liegt daran, dass die Bundes-Länder zur Berechnung des Durchschnitts unterschiedliche Formeln anwenden, so dass bei gleichen Noten ein anderer Durchschnitt herauskommt.
  • In manchen Bundesländern wäre Dennis trotz guter Durchschnittsnote zum Abi nicht zugelassen.
  • Das liegt daran, dass zudem verschiedene Fächer unterschiedlich gewichtet/gewertet werden.


Wen juckt`s? 

Nun kann man sagen: Na, wenn schon! Wen interessiert das "später im richtigen Leben" denn noch, ob der Abidurchschnitt 2,0 oder 2,1 war? 

Da ist was dran. In vielen Fällen macht das nicht wirklich einen Unterschied "im Leben".
- Und auch große Firmen interessieren sich bei der Einstellung von BewerberInnen zunehmend weniger für die Abi-Noten (siehe unten).
  • Wenn die Eltern allerdings in Klasse 11 von einem Bundesland in ein anderes umziehen, könnte es sein, dass es mit Dennis` Abitur erst einmal nichts wird und ggf. ein Jahr nachgeholt werden muss.
  • Wenn Dennis studieren will, kann der Unterschied zwischen 2,0 und 2,1 darüber entscheiden, ob er gleich einen Studienplatz bekommt oder 1/2 Jahr oder auch ein ganzes oder länger warten muss.
  • "Von 9.470 grundständigen Studiengängen in Deutschland, die das Portal hochschulkompass.de aufführt, sind lediglich 128 zulassungsfrei" - heißt es in dem o.g. Artikel.

Ist das tragisch?

Kommt drauf an. Es ist eine Frage des Geldes und der Lebensphilosophie.
Man kann es positiv sehen - es wird aber nicht jede/r positiv sehen.  
In meiner Warteschleife kann ich noch "nach-reifen"/  oder Geld verdienen/ oder im Krankenhaus jobben und Erfahrungen sammeln, weil ich Arzt werden will/ ins Ausland gehen mit work&travel... - Und wer weiß, welche Lebensperspektiven sich noch ergeben, an die ich mit 17/18 noch gar nicht gedacht habe...
Vielleicht will ich aber auch einfach nur sofort mein Traumfach studieren...

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Länder-Vergleiche sind geheim.  Bei Geld- und Freiheits-Strafe.


Es gibt einen gefühlten Ländervergleich. Der besagt: Das Bremer-Abitur ist "schlechter" als das in Bayern. - Was immer "schlechter" auch genau besagen mag.
"Wenn man wirklich genau in die Daten schauen würde und berücksichtigt, dass in Bremen mehr Migranten leben und viele Schüler aus sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen kommen, sind die Unterschiede vielleicht nicht mal mehr so gravierend." 

Es gibt auch objektive Daten, z.B. die aus den PISA-Studien. - Aber die sind geheim und unter Verschluss:
Im Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin schlummern Datensätze über den Schulerfolg deutscher Schüler, zum großen Teil aus nationalen und internationalen Vergleichsstudien. Das Institut untersteht der Kultusministerkonferenz (KMK). "Die Kultusminister haben eine Reihe von Datensätzen, allen voran Daten für die einzelnen Bundesländer aus den vergangenen Pisa-Studien. Seit 2007 gab es sieben Anträge von Wissenschaftlern, die Ländervergleiche machen wollten. Alle wurden von der zuständigen Kommission abgelehnt. Einstimmig. Wenn Bildungsforscher Daten bekommen, müssen sie schriftlich zusichern, dass sie keine Länder miteinander vergleichen. Sonst drohen Geldbußen bis zu 300.000 Euro oder Freiheitsstrafen." [a.a.O.] 
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Aber 12 Punkte in Mathe in Bayern sind doch 12 Punkte in Mathe in Bayern? - Nur in Bremen kriegt man für die gleiche Leistung 15 Punkte? - Oder?

 

"Kritiker verweisen seit langem darauf, dass die scheinbar präzisen Schulnoten keineswegs objektiv seien. In einer Expertise der Uni Siegen wird das Experiment des österreichischen Pädagogen Rudolf Weiss zitiert, der 153 Lehrer eine Mathematikaufgabe beurteilen ließ.

  • die Eins wurde von sieben Prozent vergeben,
  • 41 Prozent von ihnen gaben eine Zwei,
  • 42 Prozent eine Drei,
  • die Vier von neun Prozent 
  • und ein Prozent der Probanden sahen in der Arbeit sogar eine Fünf.
Es hänge eben stets davon ab, welchen Maßstab man anlege, um eine Anforderung als ausreichend oder ungenügend zu bewerten, sagt Professor Brügelmann. Dieser Maßstab aber sei nicht klar definiert. Nach den Regeln der Statistik sei es überdies eigentlich nicht zulässig, aus Noten, die nur Rangfolgen angäben, Mittelwerte zu errechnen. Und doch werden etwa in Bayern und Baden-Württemberg in den Übertrittszeugnissen Gesamtnoten gemittelt, aufs Hundertstel genau."
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Höre auch die sehr interessante Diskussion: :

Es diskutieren:
  • Christof Beutgen, Leiter der Mitarbeiterentwicklung, Deutsche Bahn AG
  • Prof. Dr. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz
  • Prof. Dr. Elsbeth Stern, Lernforscherin, ETH Zürich 
Die Bahn AG interessiert sich schon jetzt bei Neu-Einstellungen in der ersten Runde nicht mehr für die Schulzeugnisse, sondern die erste Auswahl erfolgt durch einen Online-Test, bei dem nicht einmal nach der Art des Schulabschlusses gefragt wird: Auch Haupt- und RealschülerInnen können teilnehmen. Erst in der zweiten Runde schaut man beim Auswahlgespräch auch auf Abschlusszeugnis und Noten. Daimler, Siemens und viele Hochschulen misstrauen ebenfalls Noten als Nachweis für Talent und Motivation. Manchen Betrieben bleibt mangels Bewerbern gar nichts anderes übrig, als die Noten zu ignorieren. Auswahlgespräche, Assessments und Online-Tests verdrängen das Schulzeugnis als Eignungsnachweis. 
Wozu vergibt die Schule noch Noten, wenn sie beim Karriere-Start nicht helfen? Wie motivieren Lehrer und Eltern die Schülerinnen und Schüler zum Lernen, wenn die Note später nichts mehr zählt?
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Siehe auch:  


Samstag, 20. Juli 2013

"... tanzen Winfried Kretschmann die sozialdemokratischen Bildungspolitiker auf der Nase herum".




»Die SPD-Kultusministerin wurde von der eigenen Landtagsfraktion kalt abserviert.



Ihr Nachfolger im Amt, Andreas Stoch,

legt sich übermotiviert mit der Lehrerschaft an, vergrätzt die Lehrerschaft mit einem Ruf nach verpflichtenden Betriebspraktika außerhalb der Arbeitzeit in einer an Gerhard Mayer-Vorfelders Glanzzeiten erinnernden Rambo-Manier.
Selbst Genossen ärgert aber vor allem, dass Stoch den Stammtisch samt der dort noch immer zementierten Faulenzer-Vorurteile gegen eine ganze Berufsgruppe bedient wie keine seiner vier Vorgängerinnen. Denn die schlugen – parteiunabhängig – einen Ton an, der das Ansehen der Pädagogen in der Gesellschaft heben sollte, statt es fahrlässig zu unterminieren. 


Gäbe es für Minister die guten alten Kopfnoten, hätte der Kultusminister in Betragen beste Aussichten auf mangelhaft. Auch ihn will sich Kretschmann jetzt zur Brust nehmen. Denn dem Grünen ist nur zu bewusst, dass "Gegenwind in der Bildungspolitik die Macht kosten kann".

Und der Pädagoge und grüne Ministerpräsident ist erfolglos mit seinen Disziplinierungsversuchen. Trotz mehrerer Klassenbucheinträge tanzen Winfried Kretschmann die sozialdemokratischen Bildungspolitiker auf der Nase herum. [...]


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Der Ministerpräsident spricht von zwei Säulen:
 
hie die Gemeinschaftsschule, da das Gymnasium. Sogar auf Peter Hauk sprang der Funke über.

Als die wenig später geschasste Kultusministerin Gabriele Warminski-Leutheußer den CDU-Fraktionschef im Spätherbst 2012 zum Besuch einiger Gemeinschaftsschulen anstiftete, da musste der unermüdliche Agitator gegen die "sozialistische Einheitsschule" sichtlich beeindruckt Engagement und Zustimmung von Eltern, Kindern und Lehrkräften anerkennen. Geholfen hat es nichts. [...]

Überhaupt die SPD. 

 
Ihre Bildungspolitiker, die mit dem Aufbruch in eine neue Schulära die Grünen bei der nächsten Landtagswahl übertrumpfen wollen, finden keinen Draht zu den Lehrervertretern. Vereinzelte Gespräche, immer wieder Missverständnisse, kein stabiler Austausch, keine Verlässlichkeit. Es fehlt das Interesse der Handelnden am Diskurs mit Experten.

Die Strategie hat etwas Masochistisches, 


denn naturgemäß trifft der anschwellende Ärger in der Lehrerschaft, in den Verbänden und vor allem in der GEW besonders die SPD. Speziell Fraktionschef Claus Schmiedel, früher selber Lehrer, macht sich unbeliebt. Als "Heulsusen" tituliert er Ende Mai Lehrerverbandsvertreter [...] .
Zugleich verabschiedet sich Schmiedel gern im Alleingang von alten Vorhaben oder bringt neue ins Spiel. Sogar der Vorsitzende der erst kürzlich gegründeten parteiinternen SPD-Arbeitsgemeinschaft für Bildung, der Landtagsabgeordnete Gerhard Kleinböck, erfährt so manches erst aus der Zeitung und befindet sich damit in bester Gesellschaft:

Der Koalitionspartner und nicht zuletzt der Regierungschef bleiben ebenfalls uninformiert, wenn Schmiedel zum U-Turn ansetzt, so etwa zum unvermittelten Schulterschluss mit den "Heulsusen" vom Philologenverband. Die sind gegen die Radikalreform der Lehrerbildung, wie sie eine von der Landesregierung eingesetzte Kommission empfohlen hat.
Weil aber die Grünen dafür sind, ist Schmiedel reflexartig dagegen und an der Seite der Beamten.
 

Der Ministerpräsident gerät in Rage,

droht mit Nachsitzen und einem permanent tagenden Koalitionsausschuss, in dem alles, was das Licht der Öffentlichkeit erblicken soll, vorher auf den Tisch muss. Und wieder findet Kretschmann so recht kein Mittel für ein konstruktives Miteinander, gegen die Sabotagestrategie der Genossen: Wenn ein Erfolg auch den Grünen – in diesem Fall Wissenschaftsministerin Theresia Bauer – zugerechnet werden könnte, dann lieber gar kein Erfolg.«
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Verbrechen Hauptschule

In diesen Tagen hörte ich die Abschieds-Rede einer Hauptschul-Rektorin, die in den Ruhestand verabschiedet wurde:

Seit 40 Jahren habe sie die These vertreten, sagte sie, dass die Hauptschule ein Verbrechen an ihren SchülerInnen sei. 

Warum? 
Weil diese segregiert und zwangsweise von ihren MitschülerInnen aus der Grundschule getrennt werden. - Sehr glücklich sei sie deshalb, dass jetzt (wenn auch meistens aus ganz anderen Gründen) in BW Hauptschulen geschlossen würden und in Gemeinschaftsschulen aufgehen. Auch dort könnten aus schwachen SchülerInnen keine intellektuellen Überflieger gemacht werden, aber wenigstens habe die Segregation, die zwangsweise Trennung und  stigmatisierende Entmischung  der SchülerInnen,  ein Ende. 

Ein Zwischenruf aus der Zuhörerschaft: "Aber eine Gesamt-Schule habt ihr immer noch nicht!" ...



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Von der anderen Seite betrachtete Christian Pfeiffer, Direktor des "Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen", die Hauptschule. Sie sei auch deshalb ein Verbrechen an den Kindern, weil sie die Kriminalität der dortigen Kinder fördert.
"Gesamtschule verhindert Verbrechen" titelte deshalb eine kleine Zeitung: 
Für seine Studien hat Pfeiffer im Laufe der Jahre 45.000 deutsche Jugendliche befragt und dabei drei Hauptfaktoren für Jugendkriminalität ausgemacht: Selbst erlebte Gewalt durch die Eltern, Alkoholkonsum und Hauptschulbesuch. Dort würden sich die "sozialen Verlierer zusammenballen". Freunde, die einem zeigten, wie man Erfolg hat und wie schön das sein könne, würde man dort nicht finden. Die Jugendlichen würden sich nur gegenseitig "negativ hochschaukeln".

Der Umkehrschluss: Die Einführung der Gesamtschule beuge Verbrechen vor.


Hausaufgabe bei Bedarf:
  • Schauen Sie sich die 3 Kommentare zu Pfeiffers Vortrag an und vergleichen Sie diese mit den Aussagen der oben zitierten Hauptschul-Rektorin. -


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Samstag, 13. Juli 2013

Blanker Hass in BWs Lehrerzimmern? - Hysterie oder repräsentativ?

Ein Gymnasial-Lehrer, Mitglied der SPD - und nicht in der GEW -, schrieb jüngst:
Heute war in unserem Lehrerzimmer blanker Hass zu spüren.
Ich glaube, in jedem Lehrerzimmer in Baden-Württemberg heute. In Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen.
So schlimm wie jetzt war es noch nie.
Grün-Rot, sie können es nicht! - ABWÄHLEN!!!
Ich weiß nicht, ob diese Aussage repräsentativ ist. Doch: "In der Mitte wächst der Hass".
Siehe dazu jedoch auch:
Lehrerdemos, Egoismus und Aufstand
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Hass und Psychologie:
  • Der Hass ist die Liebe, an der man gescheitert ist. (Kierkegaard)
"Hass ist ein Gefühl extremer Abneigung und Ablehnung gegenüber einem anderen Menschen oder einer Institution. Er entsteht meist aufgrund einer tiefen seelischen Verletzung, wie etwa einer Trennung oder Verlusterfahrung, der man glaubt ausgeliefert zu sein und gegen die man glaubt, sich nicht wehren zu können. Man fühlt sich also total hilflos und ohnmächtig und gleichzeitig tief verletzt oder angegriffen." [Lebenshilfe Psychologie-Lexikon] 
  • Wo Liebe wächst, gedeiht Leben - wo Hass aufkommt droht Untergang. (Mahatma Gandhi)
  • Wer aber seinen Bruder hasst, ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wohin er geht, weil die Finsternis seine Augen verblendet hat. (1. Joh. 2,11)

Hass und Soziologie
In der Mitte wächst der Hass. 


Das deutsche Bürgertum verroht und kündigt zunehmend seine Solidarität mit denen auf, die es als schwächer und ökonomisch nutzlos versteht. Das besagt u.a. eine Studie der Bielefelder Soziologen um Wilhelm Heitmeyer.
"Die moderne Chancengesellschaft, die den Kontext von Solidaritätsnormen verlässt, konnte auf diese Weise zu einer ziemlich kalten und rohen Angelegenheit werden."

• Bezeichnend ist sicher, dass sich die soziale Mitte bildungs- und schulpolitisch keineswegs für das Modell erweiterter Chancen auch für Kinder des „sozialen Unten“ ins Zeug legt. Dabei zählten viele Mittezugehörige selbst zu Gewinnern der ersten Bildungsreform in den 1960er/70er Jahren.

Doch gerade weil sie den Aufstieg von unten in die Mitte geschafft haben, besitzen sie nun – ganz wie schon in früheren Jahrzehnten die etablierten Mittel- und Oberschichten – kein Interesse an weiteren Emanzipationsschüben von unten, da das für sie zusätzliche Konkurrenz und damit auch die Entwertung der eigenen, mühselig erworbenen Bildungsabschlüsse und Statuspositionen bedeutet.

• Generell gilt: In der gegenwärtigen Druck- wie Konkurrenzsituation grenzen sich die verschiedenen Elternmilieus schroff voneinander ab, verhindern, dass ihre Kinder mit dem Nachwuchs der jeweils unter ihnen verorteten Schichten in Kontakt geraten. Das klassische Bildungsbürgertum achtet seit einigen Jahren darauf, dass ihre Sprösslinge die Freizeit nicht mit den „Parvenüs“ aus dem Mittelstand verbringen.
Und die kleinbürgerliche Mitte unterbindet entschlossen Begegnungen mit Familien aus der „Underclass“, da sie dort kulturelle Verwahrlosung, haltlosen Konsumismus, unheilstiftende Disziplinlosigkeiten wittern. Man mag das eine Abwertungsspirale nach unten nennen ... 

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Presse-Schlagzeilen dieser Tage (um den 10. Juli 2013)
  •  Kultusminister ermahnt Lehrer. Lehrer sollten sich außerunterrichtliche Aufgaben aus Sicht von Kultusminister Andreas Stoch (SPD) nicht unnötig anrechnen lassen.
  • Die Landeschefin der Gewerkschaft GEW, Doro Moritz, empfindet es als «frech», dass Stoch unterstelle, .... Die Behauptung sei ehrenrührig und ignoriere, dass zu guter Schule mehr als nur Unterricht gehöre. 
Demo am 10. Juli 2013 in Stuttgart
  • Die Lehrergewerkschaft GEW hat mit Sarkasmus auf den Vorschlag von Kultusminister Andreas Stoch reagiert, Lehrer sollten in den Sommerferien Betriebspraktika machen.
  • Finanzminister Schmid schließt den Abbau weiterer Lehrerstellen aus. Sparen soll das Kultusressort dennoch: etwa bei der Altersermäßigung.
  • Knapp ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt hat Kultusminister Andreas Stoch (SPD) am Dienstag seine Amtschefin Margret Ruep in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Dieser Schritt ist nur mit dem Verweis auf ein nicht mehr bestehendes Vertrauensverhältnis möglich. Ruep war mit Antritt der grün-roten Regierung im Mai 2011 unter der damaligen Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) ins Amt gekommen. Stoch hatte die parteilose Beamtin von seiner geschassten Vorgängerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) zunächst übernommen, obwohl die frühere Rektorin der Pädagogischen Hochschule in Weingarten da bereits in der Kritik stand.
  • Die Mitarbeit des Schweizer Bildungsunternehmer Peter Fratton beim Erarbeiten der Schulreform sorgte auch beim Regierungschef für Kopfschütteln. Frattons Verpflichtung sorgt bei Kretschmann gestern zu nacheilendem Entsetzen: „Ich habe einige seiner antipädagogischen Thesen gelesen, da haben sich mir die Haare gesträubt“, erklärte der grüne Regierungschef. 
  • Zuvor hatte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unter anderem der Ludwigsburger Erziehungswissenschaftler Matthias Burchardt die Thesen des eidgenössischen Unternehmers auseinandergenommen. Fassungslos stellte dieser dann die Frage, warum eine ganze Schulreform auf solchen Lehren aufbaue. "Neue Pädagogik völlig verfehlt".
  • Er ist fast schon so eine Art Popstar in gymnasialen Kreisen - Matthias Burchardt lockte am Montagabend rund 300 Eltern und Lehrer zu seinem Vortrag in der Rommelsbacher Wittumhalle.
  • Ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hatte ihn mit einem Schlag berühmt gemacht: Dr. Matthias Burchardt griff in diesem Bericht heftig die baden-
    württembergische Bildungspolitik unter Grün-Rot an. 
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Andere sehen es etwas gelassener:
 

Südwestumschau

„Mutlose Politik“


Rebellen von einst sehen den Erfolg der Gemeinschaftsschule gefährdet.  

Stuttgart. „Grün-Rot macht eine mutlose Schulpolitik“, sagte Bernd Dieng, Vorsitzender des Vereins „Länger gemeinsam lernen“, der SÜDWEST PRESSE. Es sind die Rebellen von einst, die jetzt abermals grollen: Sechs Jahre ist es her, dass sich mehr als 100 Hauptschulrektoren und Lehrerausbilder aus Oberschwaben in einem Brief öffentlich gegen die schwarz-gelbe Schulpolitik wandten. Sie verlangten ein Ende des dreigliedrigen Schulsystems, in dem der Bildungserfolg vor allem von der sozialen Herkunft abhängig sei, und forderten längeres gemeinsames Lernen – allen disziplinarrechtlichen Drohungen des damals erbosten CDU-Fraktionsvorsitzenden Stefan Mappus zum Trotz.[...]

Zwei Jahre nach dem Machtwechsel in Baden-Württemberg sehen die Verfechter der Gemeinschaftsschule den Erfolg dieser so lange herbeigesehnten Schulart gefährdet. „Statt die Gemeinschaftsschule durch ein Zwei-Säulen-Modell zu stärken, wird nun noch mehr sortiert als zuvor“, sagt Dieng. [...]
Die Gemeinschaftsschule werde jedoch nur erfolgreich sein, „wenn sie einen ganzen Jahrgang abbildet, also mindestens ein Drittel der Kinder auch Gymnasialniveau hat.“ Das sei auch das Ergebnis einer aktuellen, von Wissenschaftlern und Schulfachleuten verfassten „Expertise Gemeinschaftsschule“. [...]


Gelinge das nicht, „droht die Gefahr, dass die neue Schulform wie die Hauptschule von den Eltern abgewählt wird“, fürchtet Dieng, Fachleiter am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Meckenbeuren. Die Folge sei erfahrungsgemäß „die Entstehung pro
Dieng und Reinhoffer sind nach wie vor der Überzeugung, dass nur integrative Schulsysteme Chancenungleichheit in der Bildung beseitigen können. „Weltweit gibt es kein frühsortierendes System“, sagt Dieng, „das in den beiden entscheidenden Bereichen Leistung und Bildungsgerechtigkeit Spitzenergebnisse liefert. Das schaffen nur Staaten, die auf längeres gemeinsames Lernen setzen, meist bis zur 9. oder 10. Klasse.“


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Sicher scheint zu sein:

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Schulfrieden in NRW und Berlin. 
NRW und Berlin machen es offenbar besser. 
  • In NRW hat rot-grün mit der CDU einen Schulfrieden für 12 Jahre geschlossen. Nach jahrzehntelangem Streit gibt es einen Schulkonsens in Nordrhein-Westfalen. Die rot-grüne Minderheitsregierung einigte sich 2011 mit der CDU-Opposition auf die Einführung einer neuen Sekundarschule.

  • Berlin, Juni 2013:  Eltern und Schulleiter sind mit Berlins neuem Schulsystem überwiegend zufrieden. Dieses Ergebnis präsentierte der Bildungsforscher Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Auftraggeber der Studie war die Bildungsverwaltung des Senats. 

    • Vor zwei Jahren hatte die rot-rote Koalition alle Hauptschulen, Realschulen und Gesamtschulen zu „Integrierten Sekundarschulen“ gemacht. Die Plätze an den Schulen werden jetzt nicht mehr nach Nähe zum Wohnort vergeben, stattdessen entscheidet bei rund zwei Dritteln der Plätze an einer Schule die Leistung der Bewerber und beim restlichen Drittel das Los. 
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